FreiRaum: Open Space


28. Februar mit Pfarrerin Berit Scheler

(Psalm 31,9: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“)


Liebe Gemeinde,

„Freiraum“ - in diesem Stichwort steckt für mich eine widersprüchliche Erfahrung unserer Zeit:
einerseits haben wir großen Freiraum und viele Freiheiten. Die ganze Welt liegt uns zu Füßen, wir können sie bereisen und erkunden. Und auch unsere Arbeit ist nicht mehr an einen konkreten Ort oder an feste Zeiten gebunden. Viele arbeiten vom Home-Office aus oder erledigen im Café oder am Strand noch schnell ein paar Mails.
Und doch oder gerade deshalb klagen viele, dass sie keine Zeit mehr haben. Keine Zeit mehr für sich, keinen ungenutzten Moment oder gar Muße. Es ist zermürbend dauernd erreichbar zu sein. Viele sehnen sich nach einem Freiraum, den sie selbst bestimmen und gestalten können.

Das beschäftigt nicht nur Einzelne, sondern auch uns als Gesellschaft. Das zeigt schon ein kurzer Blick auf Veranstaltungen zu diesem Thema hier in München:

•    Da bekomme ich diese Woche ich eine Einladung von der SPD in den Bayerischen Landtag. Die Partie lädt ein zur denk#zeit unter dem Motto „Das Recht auf eigene Zeit“. „Das Recht auf eigene Zeit ist kein Luxus, sondern ein kultureller und sozialer Wert in unserer Gesellschaft.“, schreibt der Referent Matthias Jena als Teaser in der Einladungskarte. Er ist nicht nur DGB Vorsitzender in Bayern, sondern auch Mitglied der Evangelischen Landessynode.

•    Einen ähnlichen Gedanken tragen auch die Liegestühle hier in der Kirche, in denen manche von Ihnen sitzen. Auf ihnen steht: „Sonntag – ausruhen, Zeit für andere haben, kuscheln, Gottesdienst feiern, spielen“.
Der Sonntag als Freiraum. Als freier Raum und freie Zeit für mich, meine Freunde und Familie, für Gott.
Doch der Sonntag gerät immer stärker unter Druck.
10,5 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland auch an Sonn- und Feiertagen – und das sind nicht alles Pfarrer oder Menschen, die im Bereich Freizeitgestaltung, Sicherheit oder Grundversorgung arbeiten.
In der Allianz für den freien Sonntag setzen sich Kirchen und Gewerkschaften dafür ein, dass der Sonntag als Freiraum und freie Zeit erhalten bleibt.

•    Auch die Stadt München macht den Freiraum gerade zum Thema: In meinem Lieblingscafé entdecke ich im Postkartenständer Werbung für die Ausstellung „FREIRAUM 2030“. Auf der Rückseite der Karte lese ich: „Ohne Freiraum keine Lebensqualität. Von der historischen Parkanlage bis zum privaten Dachgarten, von der Skate Bowl bis zur Verkehrsinsel: Freiraum hat viele Facetten!“
So wirbt das Referat für Stadtplanung und Bauordnung für seine Ausstellung in der Rathausgalerie. Die Begriffe, die ich auf der Homepage dazu entdecke, lassen mich aufhorchen: „Freiraum und Umwandlung“- „Freiraum und Entschleunigung“.
Entschleunigung, Klarheit, Stille, Reset - diese Worte kamen uns im Markusteam auch in den Sinn als wir über unsere FreiRaum Aktion in der Passionszeit nachdachten!

Mit unserer Idee, die Kirche frei zu räumen und einen Freiraum zu schaffen, liegen wir voll im Trend! Viele Menschen sehnen sich nach Ruhe und Stille, nach Orten an denen sie aufatmen und sich besinnen können. Freiräume, die mein Denken, Fühlen und Erleben nicht gleich kanalisieren oder verwerten. Freiräume, die offen sind für Begegnungen mit mir selbst, mit anderen und mit Gott.

Mit der FreiRaum Aktion will das Markusteam dazu einladen, sich auseinanderzusetzen: Mit dem leeren Kirchenraum vor mir und mit dem eigenen Raum in mir. Der klare, weite Kirchenraum hilft mir, meine Sinne und Gedanken zu schärfen. Meine eigene Einstellung zu prüfen und meinen Blick zu weiten.
Wie oft bewege ich mich nur in vorgegebenen Bahnen!?
Wie oft meine ich, alles müsste genau so laufen, wie ich mir das vorstelle!? Wie eng und kleinkariert bin ich manchmal!

Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als wir im Team überlegt haben, wie der FreiRaum an St. Markus gestaltet werden soll. Wie wirkt er einladend und inspirierend?
Ich war ganz schön überrascht wie unterschiedlich wir uns das vorstellen:
Brauchen wir wirklich Liegestühle? Für mich kann der Raum nicht leer genug sein - am liebsten hätte ich gleich alle Stühle verbannt!
Jemand anders meint, so viel Leere und Stille halte ich nur schwer aus. Können wir nicht leise Musik im FreiRaum haben? Oder auch etwas für die Augen? Lasst uns ein Bild an die Kirchendecke projizieren!
Und welche Aufgaben hat das Zweierteam, das mittags zwischen 12 und 2 in der Kirche ist? Soll es einfach nur da sein, offen fürs Gespräch, wenn die Besucher das signalisieren? Oder soll einer vom Team die Menschen gleich an der Tür begrüßen?

Bei diesen Gesprächen mit den anderen bin ich mir selbst auf die Schliche gekommen. Habe gemerkt, dass ich ganz schön genaue Vorstellungen habe wie die Aktion sein müsste…
Wo bleibt denn da der Freiraum für die Ideen, die Kreativität und die Fantasie der anderen?
Da hilft nur eins: mich selbst frei zu machen von zu engen Gedanken und Vorstellungen - und einfach ausprobieren! Mir und uns die Freiheit gönnen, dass auch beim FreiRaum nicht alles auf Anhieb klappt! Mut zu experimentieren und manches auch während der Aktion zu ändern!
So sind die Liegestühle inzwischen wieder aus dem Chorraum verschwunden. Und der große Kissenberg in der Mitte des Raums ist zu zwei Kissenhaufen am Eingang geworden – da nehmen sich Menschen eher ein Kissen mit, um sich damit ihren Platz in der Kirche zu suchen.
„Freiraum“ – jeder und jede hat dazu ganz eigene Gedanken und Assoziationen. Jeder und jede beschreibt das mit anderen Worten. Einige lassen sich schon nachlesen, hier hinten auf dem Boden der Kirche. Weite Worte, weiße Kreide auf roten Fliesen.

„Freiraum“ - mir ist dazu als erstes ein Vers aus Psalm 31 eingefallen: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Dieser Satz beschreibt für mich genau das, wonach sich so viele sehnen. Nach Freiheit und Weite, nach Offenheit. Nach einem Raum, wo ich mich ausprobieren darf. Wo ich nicht gleich eingeengt und in vorgegebene Bahnen gelenkt werde. Wo ich selbst mitreden und mitentscheiden darf.

Wahrscheinlich kam mir darum dann auch als zweites der Begriff „open space“ in den Sinn. Das ist ja eigentlich eine Methode um Konferenzen zu gestalten oder um Organisationen weiter zu entwickeln. Eine Methode, die keine ausgearbeitete Tagesordnung vorsieht, sondern nur ein Leitthema formuliert. Die Teilnehmer bestimmten dann selbst wie es weitergeht. In verschiedenen Gruppen setzen sie sich mit dem Thema auseinander. Jeder, der mitmacht, ist gleichberechtigt und alle begegnen sich mit Wertschätzung. In diesem „open space“ Prozess ist jeder kompetent, kann sich einbringen und kann etwas bewirken. Darum werden auch die Entscheidungen, die so erarbeitet werden, von vielen gut angenommen – besser als wenn sie einfach von oben her verordnet werden.

„open space“ - beschreibt das nicht einen Weg, der auch gut in eine Kirchengemeinde passen würde? Findet sich darin nicht auch etwas vom Priestertum aller Gläubigen wieder?
Ich entdecke in dieser Methode meinen Traum von Kirche und Gemeinde wieder. Den Traum, Gemeindeleben gemeinsam zu entwickeln, Dinge auszuprobieren und möglichst viele Menschen daran zu beteiligen. Den Wunsch, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen über das, was uns beschäftigt und auf dem Herzen liegt. Einander offen zu begegnen und aufmerksam zuzuhören, wenn Menschen von ihrem Glauben erzählen; wenn sie ihre Lebensgeschichte und ihre Glaubenserfahrungen teilen. Und auch miteinander über gesellschaftliche Entwicklungen zu diskutieren und zu überlegen, was das theologisch bedeutet, was das für unseren Glauben heißt. Das ist für mich „open space“ und FreiRaum.
Da spüre ich, dass Gott meine Füße auf weitem Raum stellt.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Der Mensch, der im Psalm so betet, weiß, was Zwang und Enge bedeuten. Seine Feinde bedrohen ihn. In ihren Worten und Drohungen fühlt er sich gefangen wie in einem Netz. Aus eigener Kraft kann er sich daraus nicht befreien. Je mehr er zappelt, desto enger wird das Netz.
Der Mensch spürt: ich brauche jemanden, der nicht in das Alles verwickelt ist. Jemand, der mehr sieht als ich gerade sehen kann. Ich brauche jemand, der mir eine andere Sicht auf die Dinge eröffnet. Der mich aus dem Netz befreit und meine Füße auf weiten Raum stellt.
Der Betende vertraut darauf, dass Gott dieser jemand ist. Gott kann mir eine neue Perspektive eröffnen. Gott befreit mich aus meinen Zwängen und Ängsten. Wo ich nur enge Netze und Mauern sehe, zeigt Gott mir Freiräume: weite Räume in denen ich mich entfalten kann mit meiner Fantasie, meinen Begabungen und Träumen.

Liebe Gemeinde, was der Mensch im Psalm 31 so eindrücklich beschreibt, das wünschen sich viele für ihr eigenes Leben und für das Leben ihrer Kinder. Oft suchen Eltern sich diesen Vers als Taufspruch für ihr Kind aus. Weil sie hoffen, dass es in seinem Leben genügend Freiräume entdeckt für sich und seine Träume. Weil sie ihrem Kind wünschen, dass es die Freiheit des Glaubens spürt. Dass es erlebt wie weit und befreiend Gottes Liebe ist.

„Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Freiheit genießen und Freiräume gestalten, das kann aber nur, wer sich selbst sicher und geborgen fühlt. Denn ein weiter Raum kann auch erschrecken und bedrohlich wirken. Wo finde ich da Halt und Orientierung? Ist da noch einer, der mich begleitet und trägt?
DU stellst meine Füße auf weiten Raum, heißt es im Psalm. Dieses Du ist wichtig. Ich stehe nicht allein auf weiter Flur, verlassen und einsam, sondern es gibt da noch jemanden.
Gott schenkt mir Weite und Freiheit - und er lässt mich darin nicht verloren gehen. Er bleibt bei mir, als Gegenüber, das mich begleitet, als DU, das mir Halt gibt.

Wir Menschen brauchen beides: Freiheit und Wurzeln. Nur wer Sicherheit und Geborgenheit, wer Liebe, Zuverlässigkeit und Treue erfährt, kann auch mit Freiheit umgehen. Wer spürt, hier bei Gott bin ich sicher, er gibt mir Halt und einen festen Rahmen, der kann seine Freiheit gestalten, kann sich ausprobieren, seine Fantasie entfalten und Neues wagen.

Freiheit auszuhalten und Freiräume zu gestalten – das traut Gott uns zu. Er traut uns zu, dass wir unser Leben und unseren Glauben gestalten. In aller Freiheit, die er uns in der Taufe schenkt.
In ihr macht Gott uns frei von allen Zwängen, die uns einengen und gefangen nehmen. „Höher, schneller, weiter“ – diesen Maximen brauchen wir uns nicht mehr zu unterwerfen. Erfolgs- und Leistungsdruck sollen uns nicht länger gefangen nehmen. An diesen Spielregeln der Welt brauchen wir uns nicht zu messen.
Denn Gott schenkt uns Freiheit. Freiheit, um offen auf andere zuzugehen. Freiheit, um unseren eigenen Weg zu finden, um selbst zu denken und zu hinterfragen. Freiheit, sich mit anderen auszutauschen und ihre Meinungen zu prüfen – in allen Lebens- und Glaubensfragen.

Gott traut uns diese Freiheit zu. Er stellt unsere Füße auf weiten Raum, weil wir auch in der Weite bei ihm Halt finden können. Gott ist für uns da. Er trägt und begleitet uns. Er ist die Sicherheit und Geborgenheit aus der heraus wir frei sein können.
So verspricht Gott es uns in der Taufe. Und so haben Menschen es immer wieder erlebt. Menschen wie du und ich, und Menschen wie der Betende in Psalm 31:

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Amen.