FreiRaum: Seele


20. März mit Pfarrer Tilmann Haberer

(2. Korinther 3,17)


Liebe Gemeinde,

Freiraum, so heißt unsere Predigtreihe in diesem Jahr. Freiraum. Zweieinhalb Wochen war das auch ganz wörtlich zu nehmen. Diese Kirche war freigeräumt, die Stühle waren im Keller, der Raum war fast ganz leer. In so einem leeren Raum wird auf einmal das ganz neu sichtbar, was wesentlich ist, was entscheidend ist. Das sind in einer Kirche natürlich vor allem die sogenannten Prinzipalstücke: Altar, Ambo, Taufstein. Sie sind Zeichen dafür, dass Gott anwesend ist. Mitten im Alltag. Und wenn Sie sich unseren Altar vor Augen ansehen, dann fällt auf, dass er sich sehr unterscheidet von vielen anderen Altären, gerade von den barocken Hochaltären, von denen es in München und Bayern so viele gibt. Diese barocken Hochaltäre zeigen meist die himmlische Welt. Verklärte Gestalten, Engel, Lichtschein, Gloriolen, Gott Vater auf den Wolken, der auferstandene Jesus als Richter oder als Retter. Bilder, die hinausführen über unseren Alltag.

Das hat auch sein gutes Recht und hatte zumal in der Zeit, in der diese Bilder entstanden sind, sein gutes Recht.

In unserer Kirche ist das anders. Unser Altar führt nicht hinaus über den Alltag, sondern mitten hinein in den Alltag. Er besteht scheinbar aus Holzbrettern, roh, ungehobelt im wahrsten Sinn des Wortes. Stark gemasert, unregelmäßig, rau. Als ob es sich um billige Baustellenbretter handelte.

Aber wenn man genau hinschaut, wenn man die Bretter betastet, mit dem Knöchel dagegen klopft, stellt man fest: Es sind keine Holzbretter. Der Altar besteht aus Aluminium, das in einem aufwändigen Druckgussverfahren in die Form von Holzbrettern gebracht wurde. Und damit ist dieser Altar, sind Lesepult und Taufstein Hinweise auf die Tiefe, die sich in unserer Welt verbirgt. Sie verbergen das offenbare Geheimnis. Diese Welt ist nicht bloß, was sie scheint, vergänglich und billig. Nein, was vergänglich und billig wirkt, ist in Wahrheit mit großer Sorgfalt und sehr aufwendig, haltbar und kostbar. In dem vergänglichen Schein verbirgt sich in Wahrheit etwas Unvergängliches.

So ist es mit dieser Welt, so ist es mit uns Menschen. In unserer vergänglichen, scheinbar beliebigen Gestalt verbirgt sich ein unvergängliches Wesen. So werden diese liturgischen Orte unserer Kirche zum Hinweis darauf, dass Gott in unserer Welt anwesend ist. Nicht irgendwo in einem Himmel an einem Ort der Seligen, sondern mitten in dieser Welt, als ihre Tiefe, ihr Geheimnis, ihr wahres Wesen. Sie werden auch zum Hinweis darauf, dass Gott in uns anwesend ist, in jeder und jedem von uns. Nicht irgendwann in einem Himmel, an einem Ort der Seligen, sondern mitten in uns, jetzt, hier, als unsere Tiefe, als unser Geheimnis, als unser wahres, eigentliches Wesen.

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Diese Predigt steht unter der Überschrift: Freiraum – Seele. Und genau darum geht es. Wir Menschen sind nicht nur ein vergängliches Stück Fleisch, wir sind beseelt. Wir haben eine Seele.

Nun ist das mit dem Wort Seele so eine Sache. Man kann sich allerlei darunter vorstellen.

Zum Beispiel das, womit sich die Psychologie beschäftigt. Die Psyche, das heißt das, was in einem Menschen abläuft, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Erinnerungen, seine Ängste. Diese Psyche kann naturwissenschaftlich betrachtet und untersucht werden. Viele halten die Psyche für ein Produkt der Neuronen und Synapsenverbindungen im menschlichen Gehirn. Der Neurobiologe Gerhard Roth, nur ein Beispiel, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie das Gehirn die Seele macht“.

Das kann man so sehen. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass das nicht die einzig mögliche Sichtweise ist, auch nicht die einzig sinnvolle. Diese Betrachtungsweise, die sagt: Die Seele wird vom Gehirn erzeugt und wenn das Gehirn stirbt, war’s das mit der Seele – diese Betrachtungsweise beruht auf einer Entscheidung. Sicherlich kann man feststellen, dass sich bestimmte seelische Vorgänge – bei Gedanken, Gefühlen, selbst die mystische Versenkung – gewissermaßen live beobachten lassen. Im Magnetresonanzverfahren sieht man, wie bei bestimmten Gedanken und Gefühlen bestimmte Gehirnareale stärker durchblutet werden, also aktiv sind.

Man kann sich nun dafür entscheiden, eine kausale Beziehung anzunehmen. Also: Weil diese Gehirnareale aktiv sind, deswegen entsteht so etwas wie Gedanken und Gefühle. Also: So etwas wie eine Seele gibt es nicht. Das, was wir als seelische Vorgänge erleben, ist in Wahrheit nichts anderes als das Ergebnis eines biophysikalischen Vorgangs.

Wie gesagt, so kann man denken. Man kann aber auch andere Entscheidungen treffen. Man könnte beispielsweise die Kausalität einfach umdrehen. Man könnte mit dem gleichen logischen Recht sagen: Weil sich seelische Vorgänge abspielen, deswegen spielen sich biophysikalische Vorgänge ab. Die Seele wäre dann etwas wie ein Autofahrer, der sein Auto dahin steuert, wo er es haben will. Die Seele würde dann das Gehirn steuern, sie würde bewirken, dass Synapsen feuern und Neurotransmitter ausgeschüttet werden. Ich will gar nicht sagen, dass es sich so verhält, ich will nur darauf hinweisen, dass die scheinbar so plausiblen naturwissenschaftlichen Erklärungen, die alles Seelische auf bloße Physik reduzieren, dass diese scheinbar plausiblen Erklärungen so zwingend nicht sind, wie sie tun.

Es gäbe auch noch andere Möglichkeiten, den Zusammenhang von Gehirn und Seele zu beschreiben. Mir persönlich gefällt das Bild vom Fernseher sehr gut. Wenn ein Physiker einen Fernsehapparat untersucht, wird er feststellen, dass das Bild auf der Mattscheibe nur dann erscheint, wenn die Transistoren und Kondensatoren und LEDs und was weiß ich korrekt zusammenspielen. Der Physiker könnte einen beliebigen Transistor herausnehmen, das Bild wäre verschwunden. Er könnte den Strom abschalten, das Bild wäre verschwunden. Aber eins kann er nicht feststellen, wenn er nur den Fernseher als solchen untersucht: Wo das Programm denn eigentlich herkommt. Denn das Programm wird nicht im Fernseher erzeugt. Der Fernseher stellt es nur dar. Natürlich muss er funktionieren, um das Bild darstellen zu können. Aber ohne das Fernsehstudio in Mainz oder Unterföhring gäbe es kein Programm.

So könnte es ja auch sein mit dem Gehirn und den seelischen Vorgängen. Damit seelische Vorgänge in dieser Welt erlebbar werden, ist ein funktionierendes Gehirn unerlässliche Voraussetzung. Aber das Gehirn bildet nur ab, was anderswo entstanden ist.

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Nun gut. Schluss mit den Spekulationen über den Zusammenhang von Gehirn und Geist oder Seele. Mit dem Wort Seele ist ja oft gar nicht die Psyche gemeint. Manche unterscheiden sogar ausdrücklich Seele und Psyche. Da ist Psyche dann das, was sich im menschlichen Bewusstsein und im Unbewussten abspielt, die Seele dagegen ist so etwas wie ein unzerstörbarer Wesenskern, der sich irgendwann mit dem Körper verbindet, vielleicht zum Zeitpunkt der Zeugung. Diese Seele belebt den Körper und bildet mit ihm zusammen das menschliche Individuum. Nach dem Tod trennt sie sich vom Körper und geht entweder zu Gott bzw. erst mal ins Jüngste Gericht – so die klassische katholische Vorstellung – oder sie wird nach einem irgendwie gearteten Zwischenzustand wieder geboren, in einem neuen Körper. So die klassische östliche Vorstellung, vor allem im Hinduismus. Viele esoterische Systemen im Westen haben diese Vorstellung aufgegriffen und ausformuliert – angefangen von den Theosophen und den Anthroposophen in der Tradition von Rudolf Steiner bis hin zu den vielfältigen esoterischen Systemen der Gegenwart.

Nur: Biblisch ist das nicht.

In der Bibel kommt das Wort Seele gar nicht so selten vor, insgesamt 220-mal, im Neuen Testament immerhin 44-mal. Doch dabei steht das Wort Seele oft einfach für das menschliche Leben.

Wenn ich sagen sollte, was für mich das Wort Seele bedeutet, dann nehme ich beispielsweise die Formulierung „Lobe den Herrn, meine Seele“. Für mich ist das die richtige Spur. Seele dann nämlich nichts als die Offenheit für Gott. Kein Extra-Wesen, das bei der Zeugung aus dem Himmel oder aus einem Bardo-Zustand kommt und sich mit dem gerade gezeugten Menschlein verbindet. Auch nicht eine Funktion des Gehirns, der Neuronen und Synapsen, sondern schlicht die Tatsache, dass der Mensch ansprechbar ist für Gott. Offen ist für das, was uns unendlich übersteigt und doch im Innersten lebendig macht. Offen für das, was uns unbedingt angeht. Die Tiefe unseres Seins. Für diese andere Wirklichkeit, die sich in uns verbirgt wie sich in unserem Altar das Aluminium unter der Oberfläche des rauen Holzes verbirgt.

Bei Paulus heißt es: „Wir alle sehen mit unverhülltem Gesicht die Herrlichkeit des Herrn. Wir sehen sie wie in einem Spiegel, und indem wir das Ebenbild des Herrn anschauen, wird unser ganzes Wesen so umgestaltet, dass wir ihm immer ähnlicher werden und immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit bekommen.“

Ich finde das bemerkenswert: Wir sehen die Herrlichkeit Gottes „wie in einem Spiegel“ – was sieht man in einem Spiegel? Sich selbst. Wir sehen also die Herrlichkeit des Herrn, als sei sie unser Spiegelbild, als zeige sie uns, wer wir in Wahrheit sind: Kinder Gottes, im tiefsten Kern unseres Wesens – in unserer Seele – mit Gott verwandt wie Kinder mit ihren Eltern verwandt sind. Und je mehr wir uns in die Betrachtung Gottes vertiefen, in den Kontakt mit ihm, desto ähnlicher werden wir ihm. Desto mehr kommt unser eigentliches, wahres Wesen zum Vorschein.

Und das begründet die wahre Freiheit. Die Seele, so verstanden, ist der wahre Freiraum in uns. Denn nichts und niemand hat mehr Freiheit als Gott. Und wenn wir mit Gott verwandt sind, haben wir Anteil an seiner Freiheit.

Bei Paulus heißt das dann so: Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Ein schöner Satz. Wie aber können wir seine Wahrheit erleben? Wie können dir diese Freiheit in unserem Leben erfahren?

Es wird vielleicht nicht überraschen, dass ich bei dieser Frage auf Jesus verweise. Heute ist ja Palmsonntag, der Beginn der Karwoche. Jesus zieht in Jerusalem ein und nach dem, was die Evangelien sagen, weiß er genau, was ihm bevorsteht. So erzählt es zum Beispiel das Markusevangelium, wie Jesus seinen Jüngern sagt: „Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen und sie werden ihn töten; und wenn er getötet ist, so wird er nach drei Tagen auferstehen.“

Die Freiheit Jesu besteht darin, dass er den Tod nicht scheut. Er nimmt das Ende seiner physischen Existenz in Kauf. Letztlich ist er frei von Angst. Und das heißt vor allem: frei von der Angst vor dem Tod.

Das unterscheidet ihn von den meisten Menschen. Die meisten Menschen haben durchaus Angst vor dem Tod. Vor dem Ende unserer physischen Existenz. Dabei könnten wir es besser wissen. Die Woche, die vor uns liegt, endet ja nicht mit dem Karfreitag, mit dem Tod Jesu am Kreuz. Sie läuft auf den Ostersonntag zu. Sie läuft zu auf die Botschaft: Egal was geschieht, am Ende siegt das Leben. Das Beispiel, das Jesus uns gibt, kann uns zeigen: Letztlich brauchen wir keine Angst zu haben, keine Angst vor dem Tod, keine Angst vor Verlust. Denn am Ende siegt das Leben. Das Leben bleibt, auch wenn wir diese physische Existenz verlieren. Wir gehen nicht verloren, ja: Wir können gar nicht verloren gehen.

In unserer Seele gibt es diese Freiheit, diesen Freiraum. In unserer Seele, das heißt: da, wo wir offen sind für Gott, wo wir in Beziehung stehen zu Gott. Wo wir mit Gott in Verbindung stehen und wo uns bewusst ist, dass wir mit Gott verwandt sind wie Kinder mit ihren Eltern verwandt sind. Wenn wir mit Gott verwandt sind, mit dem ewigen Grund allen Seins, dann haben wir auch Anteil an seiner Ewigkeit. Dann gibt es keinen Tod für uns, auch wenn dieser Körper sterben wird.

Das ist der Grund unserer Freiheit. Paulus schreibt: Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Da, wo wir begreifen, dass wir zu Gottes Familie gehören und seine Kinder sind, da werden wir frei. Da, wo in uns das Vertrauen wächst, dass uns letztlich nichts passieren kann, egal, was passiert, da gewinnen wir Freiheit von der Angst. Da können wir leben, im Freiraum. In der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Lebendigen.

Amen.