FreiRaum: Tabula Rasa


14. Februar mit Pfarrer Olaf Stegmann

(Johannes 2,13-25)


Liebe Gemeinde,

 

Was fasten Sie eigentlich dieses Jahr? Ganz klassisch Süßigkeiten oder Alkohol?

Oder gehen sie mit der Zeit und machen Heilfasten, Ayurveda-Fasten, veganes Fasten, Brigitte-Fasten, Mailfasten oder CO2-Fasten.

Fasten ist ein Lifestyle-Trend geworden. Immer mehr Menschen nehmen die Fastenzeit wahr für ein bewussteres Leben. Sie achten in dieser Zeit besonders auf Körper, Geist und Seele, nehmen sich und ihre Mitwelt bewusster wahr.

Natürlich gibt es wie bei jedem Trend auch Extreme. Hard-Core-Faster, die sich in 7 Wochen noch ein wenig mehr selbst optimieren und ihren Körper shapen.

Auf ihre Frage „Und was fasten Sie, Herr Pfarrer?“ antworte ich dann immer nur: „Nun dieses Jahr mache ich das klingonische Kapern-Fasten. Ich esse alles außer Kapern“

 

Fasten ist im religiösen Sinne keine olympische Disziplin nach dem Motto: Schlanker, gesünder, enthaltsamer, sondern ein spiritueller Akt.

In den Religionen dieser Welt öffnen sich Menschen im Fasten der göttlichen Kraft.

Durch das Fasten schärfen sie ihre Sinne für eine andere Dimension, die über uns hinausweist, die mich unbedingt angeht, der ich aber im Alltag zu wenig Raum gebe.

 

Die Begegnung mit dem Göttlichen und Heiligen erfordert ein hohes Maßes Selbstklärung und innerer Vorbereitung.

Fastenzeiten sind deshalb auch Bußzeiten, reinigende Zeiten.

Im Fasten kommen Menschen den drängenden Grundfragen ihres Lebens nahe und finden in der Verbindung mit Gott Klarheit über ihren Weg.

 

Mit der Tradition einer Predigtreihe, den sogenannten Invokavitpredigten, die auf Martin Luther zurückgehen, begehen wir die Fastenzeit an St. Markus.

In der Beschäftigung mit den Grundfragen unserer Zeit sind wir schnell auf „Freiräume“ als Motto für unsere Predigtreihe gestoßen.

Denn wir empfinden sowohl in unserem unmittelbaren persönlichen und beruflichen Umfeld, als auch im Blick auf Kirche, Politik und Gesellschaft eine wachsende Enge.

Das Klima in der Gesellschaft ist aufgeheizt. Wir hören uns nicht mehr richtig zu. Grenzen und Begrenzungen sind ein durchgängiges Leitmotiv geworden.

Es scheint von allem nicht genug zu geben: Geld, Personal, Zeit und Raum.

Paradox: Denn mehr Wohlstand in Deutschland war nie zuvor.

Doch wir sind getrieben von einer diffusen Angst ihn zu verlieren.

Die Fallhöhe scheint zu hoch.

 

Gleichzeitig leben wir in eine Epoche, die noch nie so viele Möglichkeiten der Lebensgestaltung bot wie heute.

In der Wissensgesellschaft explodieren die Halbwertszeit von Erkenntnisgewinn und der Durchdringung dieser Welt. Wir gewinnen gerade mit dem Nachweis der Gravitationswellen einen Blick in die Entstehung des Universums.

Wir sind überfüllt mit Informationen, komplexen Fakten und Optionen.

 

Die junge Generation in unserem Quartier leidet nicht an Perspektivlosigkeit, sondern eher an der Fülle von Optionen. Sie haben Lust aus der Fülle zu schöpfen, aber gleichzeitig auch Angst mit der einen gewählten Option, die vielleicht viel bessere andere verpasst zu haben. Es gibt immer noch eine bessere Wahl.

Eine unerschöpfliche Fülle und Freiheit die zuweilen eng macht statt weit.

 

Auch in der Kirche der Freiheit erscheint vieles eng. Es gab keine Zeit in der die evangelische Kirche mehr an Kirchensteuern einnimmt wie jetzt.

Und doch dreht sich vieles nur noch um die Finanzen. Es herrscht eine gewisse Endzeitstimmung im Blick auf die Zukunft der Volkskirche.

Ja - wir werden weniger und wir klammern uns deshalb ängstlich an das, was wir noch haben.

Nur keine Experimente, nur keine Fehler. Nur niemanden verprellen.

Stetige Alarm-Stimmung und stirngefurchte Bedenkenträgerei als christliche Lebenshaltung.

Immobilienmanagement zur Konsolidierung unseres Haushalts. Fragen über Gesundheitsgefährdung von Mitarbeitenden durch Fledermauskot.

Die Suche nach günstigeren Stromtarifen zur Kostenoptimierung.

Mittlerweile ist das das tägliche Brot eines Theologen.

Wir sind so gesetzlich geworden. Alles muss rechtssicher sein.

Kirche darf sich keine Fehler und Skandale mehr leisten.

Nein: Erlöst sehe ich wahrlich nicht aus.

Es fehlt der Frei-Mut, der Wage-Mut, der Mut des Christenmenschen, der nichts fürchten, weil er einen Gott von dem er sich geliebt und angenommen weiß.

Wir sind zu sehr mit uns selbst beschäftigt und nehmen kaum wahr, was die eigentlichen Fragen unseres Lebens und unserer Gesellschaft sind.

 

Freiraum! Ja! Nein! Klarheit! Heilig nüchtern! Zeit! Raum! Freimut! Verschwebendes Schweigen! Tabula rasa!

Das sind Worte, die versuchen in der diesjährigen Fastenaktion unseren Unmut zu fassen in der Hoffnung, dass wir auch für andere sprechen.

Wir wollen anders fasten.

Wir sind doch Geschöpfe der Weite Gottes nicht der Enge. Wir sind als Christen und Protestanten allzumal Protestleute gegen Lähmung, Stagnation und Tod.

Wir sind Kinder Gottes. Erben seiner Fülle. Das Licht dieser Welt.

 

Erreicht uns dieses Menschen- und Gottesbild des Jesus von Nazareth denn nicht mehr?

Er schuf damals in Galiläa Freiräume und dadurch heilsame Begegnungen mit uns selbst, mit dem Nächsten und mit Gott.

Er war beseelt von einem Gottvertrauen, das Kraft hatte zur Veränderung und Verwandlung, ja Wundern. Menschliche Erfahrungen, die aus der Enge in die Weite und Fülle der Schöpfung und ihrer Möglichkeiten führten.

Menschliche Grenzen wie der Tod oder menschliche Begrenzungen wie unsere Fehlbarkeit wurden darin nicht aufgehoben aber ihrer Beengung beraubt.

In Gottvertrauen, in tief gegründeter Hoffnung und Liebe.

Freiraum für die Menschen seiner Liebe nicht nur zum Valentinstag.

 

Mit dem Auftritt im Tempel von Jerusalem unterstreicht Jesus noch einmal zeichenhaft diesen göttlichen Auftrag zur Befreiung, ja Erlösung des Menschen.

Es ist ein veräußertes Fasten und Opfern, was ihm da begegnet.

Es führt nicht zur Begegnung mit den eigenen Lebensfragen und der Suche Heil und Heilung, sondern lenkt davon ab.

Der Tempel als Gottes Haus soll ein Raum der Begegnung zwischen meiner Seele und Gott sein. Ein Erfahrungsraum von der göttlichen Weite und Fülle.

Ein Klärungs-Raum. Ein Frei-Raum. Darum räumt ihn Jesus frei.

Ein Tieropfer ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld und macht nicht automatisch frei für eine Selbst- und Gottesbegegnung.

Ein paar Münzen für den Tempel ergeben noch keinen Mehrwert für das eigene Seelenheil.

Das sind Äußerlichkeiten, die einem suggerieren alles getan zu haben, um das Toben und Lärmen im Herzen und eigenen Leben zu beruhigen.

Das Marktschreien der Opfertierhändler und das Klimpern des Münzwechslers übertönte das Tiefenrauschen der eigenen Sehnsucht und Sinnsuche.

Wir Menschen fürchten manchmal nichts mehr als Leere und Stille, weil wir darin plötzlich auf uns selbst zurückgeworfen werden.

Weil wir plötzlich wahrnehmen, was wir doch am liebsten übertönen wollen.

„Doch er wusste, was im Menschen war“.

Dieser Satz aus unserem Predigttext, gibt das Motiv Jesu an mit der Tempelreinigung einen Freiraum zu schaffen.

 

Der Tempel wurde mit dieser freiräumenden Zeichenhandlung beides:

Still und leer. Und damit zu einem Ort der Gottes- und Selbstbegegnung.

Ein elementarer Ort für die Seele und ihre Erfahrungen. Ein Fasten-Ort.

Fasten heißt in seiner Wortbedeutung nichts anderes als „festhalten“ an dem, was uns frei macht, heilig-nüchtern werden lässt für die Wirklichkeit, die uns umgibt.

 

In den Evangelien wird die Tempelreinigung Jesu oft als ein Wendepunkt in der Heils- und Heilungsgeschichte Gottes mit den Menschen markiert.

Gerade noch haben die Menschen Jesus begeistert Hosianna zugerufen, nun werden sie bald „kreuzige ihn“ rufen.

 

Das „Hilf uns doch“ vor dem Stadttor, verkehrt sich innerhalb der Stadtmauern zu einem „Hilf dir doch“, „Rette, dich selbst, du hast es doch auch bei anderen getan.“

Ist das nicht so, wenn man an Dingen rührt. Wenn man überkommene Ordnungen in Frage stellt, etwas freiräumt, was verborgen war, etwas umkippt oder kritisiert, was einem selbst als Enge erscheint, dass dann auf einmal die Gegenmächte und Verharrungskräfte auf den Plan treten.

„Das war schon immer so in unserem Tempel. Wer bist du, der du dir anmaßt den Tempel in drei Tagen wiederaufzubauen, den andere abgebrochen hatten.“

Das Evangelium von der Tempelreinigung führt zum Kreuz.

Die Fastenzeit vor Ostern konfrontiert uns mit Themen von Verrat, Verleugnung, dem Ruf nach einem Sündenbock, dem Mobbing der Masse, Folter und Strafe für ungehöriges Verhalten, ja bis zum Tod.

 

Die Geschichte der Menschheit lehrt uns, dass manches Freiräumen nicht ohne Opfer bleibt. Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela.

Auch Martin Luther war für sein Gottes- und Menschenbild zum Abschuss frei gegeben worden.

Veränderungen tun weh. Nichts fürchten wir mehr in der Selbstbegegnung als die klare Erkenntnis, dass eigentlich nur einen Weg gibt und das es nicht der gewohnte Weg ist.

Fasten als Wellness-Trip blendet diese religiöse Selbsterkenntnis aus.

Manche Freiräume müssen hart erkämpft werden. Es ist ein anderes Fasten.

Doch das ist nur die vorösterliche Sicht

 

Denn nicht Karfreitag, sondern Ostern steht am Ende der Fastenzeit.

Bei allen unseren Versuchen um Befreiung aus der Enge. Bei unserer Sehnsucht nach Weite. Letztlich schafft Gott die Freiräume.

 

Ohne Gottvertrauen verkämpfen wir uns, werden wir zu Tempelreiniger und Bilderstürmer der Freiheit, die die Räume wieder eng machen.

Das war auch Martin Luthers Fazit in seinen Invokavitpredigten.

Die wahre Freiheit eines Christenmenschen liegt im Gottvertrauen.

Tiefe Befreiung kann nur aus der Erfahrung von Gnade kommen.

Die Reformation hatte 1522 durch Tempelreinigung mit Bildersturm eine unbarmherzige, kriegerische Grundstimmung bekommen.

Luther setzt auf das „Überzeugen aus der Kraft des Wortes Gottes heraus, nicht durch Einsatz von Gewalt!“

Ich kann dem zustimmen, solange darin nicht Klarheit eines reforma-torischen Anliegens verwaschen wird. Kein Friede, Freude, Eierkuchen.

Denn es ist notwendig, den Hammer in die Hand zu nehmen, die Tische umzuwerfen und unsere Lebens-Räume frei zu räumen bevor wir an der Enge ersticken und wir den Kontakt zu Gott und uns selbst gänzlich verlieren.

Tabula rasa muss und darf eine Lebenshaltung sein, immer dann, wenn wir den Blick auf die Weite verlieren, wenn die Freiräume eng werden.

Tabula rasa – die Enge wegwischen und neu denken.

Aus der Leere heraus wieder das Leben füllen.

Der Mut etwas auch wegzulassen auf unseren vollgeschriebenen Lebens-Tafeln.

Klarheit. Fokussierung auf das, was wesentlich ist.

Ich bin in diesen Tagen für einen Protestantismus, der auch wieder das Kreuz wagt und seinen Mut aus der Osterbotschaft zieht.

Was kann uns passieren?

 

Die Kraft der Osterbotschaft will uns eben nicht bestärken in der Lebens-Angst, sondern im Lebens-Mut.

Das Leben siegt über den Tod. Die Hoffnung siegt über Grabesdepression.

Am Ende steht der Sieg in einem Lebenskampf, den ich nicht selbst bis in die letzte Konsequenz durchfechten muss, sondern der mir im Gottvertrauen zuwächst.

Die Freiräume Gottes verleihen uns Flügel, wo wir manchmal schon die Steine vor die Gräber unserer Lebensträume rollen sehen.

Die Freiräume Gottes machen frei.

 

Das ist die Grunderfahrung, die hinter unserer Fastenaktion „Freiraum“ steht: Ermutigen, weil wir einen Gott haben, der uns befreien will und kann.

Freiräume gestalten, die es mir selbst ermöglichen meine Freiräume zu finden.

Wir kippen dafür keine Tische um, aber wir verändern diesen Raum und damit die Perspektive.

Bekloppt genug, weil wir eigentlich keine Zeit, keine Kraft und kein Geld dafür hatten.

Vom 24.2. bis zum 10.3. wird die Markuskirche leer sein.

Es wird Platz sein für die Erfahrung von Weite und der eigenen Perspektive.

Es wird immer wieder auch still genug sein, um auf das zu lauschen, was uns die Lebensweite schenkt.

Brot und Wasser als elementare Stärkungsmittel, sollen in der Mittagszeit uns eine Auszeit im Alltagsgeschäft bescheren und uns gleichzeitig erden und himmeln.

Der Kirchturm wird nachts leuchten und tagsüber weit in das Quartier rufen:

He ihr Menschen da draußen. Das ist ein Freiraum. Nehmt ihn euch in der Fastenzeit. Mit Aufklebern und Sprühkreide werden wir das überall kundtun.

Es wird Kissen oder Liegestühle für ein kurzes Power-Napping geben.

 

Natürlich auch Stühle, die sie dahin stellen, wo sie gerade seine wohltuende Perspektive auf diesen weiten Raum gefunden hat.

Und wer sich dem Kaffee-Fasten verschworen hat - „Ich trinke nichts außer Kaffee“ - bekommt in unserem Bistro auch solche Lebenselixiere.

Denn das Fasten ist für den Menschen da und nicht der Mensch für das Fasten.

Als Haupt- und Ehrenamtliche haben wir unsere Kalender etwas freigehalten und wollen in diesen zwei Stunden einfach da sein.

Frei nach dem Motto der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche wollen wir 7 Wochen ohne Enge. 7 Wochen Erfahrungen der Weite!

Gott und ich. Das kann nicht eng werden.

 

Von Franz Rosenzweig einem jüdischen Religionsphilosophen stammt dieser Text, der so etwas wie ein Begleittext des Freiraums in der Fastenzeit an St. Markus ist:

So brauchts zum … Menschen nichts als bereitsein. Wer ihm helfen will, kann ihm nichts geben als die leeren Formen des Bereitseins, leere Formen, die sich von selber und nur von selber füllen dürfen. Wer ihm mehr gibt, gibt ihm weniger.

Nur die leeren Formen, in denen etwas geschehen kann, lassen sich bereithalten, nur Raum und Zeit.

Wirklich nichts Anderes als dies … weiter nichts.

Man habe einmal Vertrauen.

Man verzichte einmal auf alle Pläne, man warte einmal ab.

Es werden Menschen kommen ... man biete einmal zunächst gar nichts.

Man höre. Und aus dem Hören werden Worte wachsen. Und Freiräume.

 

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.